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Brief aus Berlin Nr. 6

Wir sind in Deutschland in einem schwierigen Spagat. Auf der einen Seite sehen wir große Erschöpfung in den Familien, in den Schulen, in den Unternehmen, den Geschäften und bei Selbständigen. Andererseits sehen wir wieder steigende Infektionszahlen und wachsende Belastungen des medizinischen Personals und der Krankenhäuser.

Auch wenn der Wunsch, wieder zur Normalität zurückzukehren, zutiefst verständlich ist, können wir noch keine Entwarnung geben. Lockerungen zum falschen Zeitpunkt würden die Pandemie leider immer nur noch weiter verlängern.

Für ein erfolgreiches Krisenmanagement braucht es zweierlei: Klare, nachvollziehbare und vor allem einheitliche Regeln, die sich im Alltag bewähren. Wir müssen in Zukunft stärker differenzieren zwischen Gebieten mit hohen und niedrigen Inzidenzen. Und sonst wird nur mehr testen und schnell impfen helfen, wenn wir endlich genug Impfstoff haben. Schließlich müssen die Wirtschaftshilfen verlängert und zügig ausgezahlt werden. Insbesondere für Gastronomie und Hotellerie.

Der Oster-Lockdown zur Bekämpfung der Corona-Pandemie findet nicht statt. Das teilte Bundeskanzlerin Angela Merkel dem Bundestag und seinen Fraktionen mit. Ein Fehler – auch wenn er gute Gründe gehabt habe – müsse benannt und korrigiert werden, sagte Merkel in der Regierungsbefragung. Die Sonntagsruhe auf den Gründonnerstag und eingeschränkt auch auf den Karsamstag auszudehnen, sei in der Kürze der Zeit nicht realisierbar gewesen. Dafür gebührt ihr mein Respekt. Gleichwohl gilt der dringende Apell an die Bürgerinnen und Bürger, sich an bestehende Kontaktbeschränkungen zu halten, um die Ausbreitung der gefährlicheren Virusmutante einzudämmen.

Die Schutzmaßnahmen gelten weiter, darunter die sogenannte Notbremse. Sie besagt: Wenn die Zahl der Neuinfektionen in einer Region über 100 pro 100.000 Bürger je Woche hinausgeht, müssen Lockerungen wieder zurückgenommen werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Notbremse in vielen Regionen Deutschlands schon sehr bald greift, weil wir ein dynamisches Infektionsgeschehen haben.

Die COVID-19-Impfkampagne läuft in Deutschland übrigens seit 90 Tagen. Mindestens eine Erstimpfung haben seitdem über 8 Millionen Personen erhalten. Davon sind rund 3,6 Personen bereits vollständig geimpft.